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Knaupps Kolumnen

Perfekt

Irgendwie lande ich mit meinem „So gesehen" immer mal wieder bei der TV-Werbung. Liegt ja auch relativ nah, bei der Flut, die täglich auf uns einrauscht. Produktinformationen gehören zu unserem Leben, nur wenn sie die wenigen guten Filme im 20 Minutentakt unterbrechen, empfinde ich sie schon als quälend. Manchmal aber auch bemerkenswert. Die Menschen in den Kurztrailern sind alle so schön. Ist soviel Schönheit normal? Auch von den Titelblättern diverser Hochglanzmagazine, von Litfaßsäulen und Werbetafeln schauen sie uns täglich an, die perfekten Menschen. Sie schicken uns ihr Blend-a-Med-Lächeln aus einem faltenfreien Gesicht, das auf einem makellosen Körper sitzt, genau ins Hirn. Perfekt müßte man sein. Die TV-Werbung zeigt uns dann auch gleich, wie es geht. Mit dem richtigen Deo, dem neuen Mundwasser, dem wahnsinnig tollen Anti-Schuppenshampoo, der „problemzonenglättenden" Body-Lotion kommt man diesem perfekten Ziel schon näher. Nur noch vier mal die Woche ins Fitness-Studio und auf die Sonnenbank, dann hat man es fast geschafft. Perfekt - weil wir es uns wert sind, nehmen wir uns die Freiheit. Und diese Freiheit verspricht uns die richtige Kreditkarte. Mit der ist dann alles zu haben - natürlich nur, wenn man die Kreditkarte haben kann. Dazu bräuchte man einen supercoolen Job. Aber wenn man knackig braun ist, der Atem nach Odol riecht, und der jugendliche Körper gestählt wäre - dürfte das ja kein Problem sein. Immer hipp, immer relaxt und ewig lächelnd, so ist der neue Mensch. Falten sind out. Nur „Zigarettenwerbungsmänner" dürfen ein bißchen ungepflegt aussehen. Natürlich darf die Zielgruppe für Treppenlifter und Inkontinenz-Medikamente auch ein paar Falten haben - wenn diese zum weißen Haar passen. Aber sonst sollte man schon dem Perfektionismus entgegensteuern, denn nur so ist man interessant und steht mit beiden Beinen im wahren Leben. Oder etwa doch nicht?
Beim Durchzappen der unzähligen Fernsehkanäle blieb ich vor kurzem in einer Ratesendung hängen. Da stand doch tatsächlich ein kleiner, dicker Mann hinter dem Ratepult. Übergewichtig, schwitzend und da, wo eigentlich das neue Shampoo wirken sollte - kompletter Kahlschlag. Der angestrebte Waschbrettbauch war nach außen verbeult und mit „Perlweiß" hatte der auch nicht viel am Hut. Aber irre, was der alles wußte. Der hatte zu jeder Frage die richtige Antwort. Und obwohl er nie den Mister-Perfekt-Preis gewinnen wird, war er tausendmal interessanter, als manch aufgeblasene Modellschablone. Ein echter Mensch. eben und kein bißchen perfekt.
Man lächelt nicht immer, und manchmal lacht man viel zu laut. Ohne Drei-Wetter-Taft liegen die Haare nicht immer, und Slim-Fast ist kein Allheilmittel.
Perfektes Aussehen, perfekte Kleidung, perfektes Auftreten - das Maß aller Dinge? Ich hoffe nicht. Für mich steht schon lange fest: Perfekt ist langweilig.