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Knaupps Kolumnen

Gut oder böse?

Haben Sie schon mal einen Gutschein verschenkt? Na, ganz bestimmt. Vor der politischen Wende gab es so etwas ja eigentlich nicht. Ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern. Doch in den letzten Jahren häufen sich die Weihnachts-, Oster- und Geburtstagsgeschenke in Form der in Briefkuverts verpackten Gutscheine. Fast jedes Geschäft, jede Boutique oder auch der Kramladen um die Ecke bieten diese Gutscheine an. Es gibt Gutscheine für Wein, Gutscheine für CDs, Gutscheine für Turnschuhe, Gutscheine für Parfüm, usw. usw. Und wenn es für eine Geschenkidee mal keinen Gutschein gibt, macht man sich einen selber. Mit ein bißchen Papier, einer Schere, einem Stift und ein bißchen Kleber oder etwas moderner mit dem PC, kann man relativ schnell ein Geschenk zurechtbasteln. Ideal ist so ein selbstgemachter Gutschein, wenn man mal wieder einen Geburtstag vergessen hat, dieser auf den Sonntag fällt, und zum Geschenk einkaufen nur noch die nächste Tankstelle übrig bleibt. Auch sonst hat so ein Gutschein einiges für sich. Die lästigen Vorüberlegungen und das Herumsuchen in weiträumigen Geschäften entfällt. Man spart Verpackungsmaterial und hat sich damit auch gleich den „Grünen Punkt" verdient.
Jetzt werden Sie sich sicherlich gerade fragen, was das heute für ein blödes „So gesehen" ist. Gutscheine kennt jeder, verschenkt jeder, bekommt jeder. Ist ja auch ein merkwürdiges Thema. Aber gerade zu Ostern ist mir eine Geschichte mit einem Gutschein passiert, die mich nachdenken ließ.
Da zu Ostern so üblich, läßt man sich alljährlich immer ein paar kleine Überraschungen einfallen. So natürlich auch wir. Und neben diversen buntgefärbten Hartgekochten und den leicht fies dreinblickenden Schoko-Osterhasen, bedachten wir in diesem Jahr eine liebe Verwandte und ihren Freund mit einem Kino-Gutschein für die hiesigen Kammerlichtspiele. Da wir zusammen ins Kino gehen wollten, wurde auf dem Gutschein auch gleich der uns entsprechende Film eingetragen. „Düstere Legenden", ein Filmtitel der kalte Schauer auf den Rücken jagt, entnahmen wir einer Programmbroschüre. Mit gruseliger Vorfreude standen wir nun am Abend des Ostermontag vor dem Cinema-Theater. Hier mußte ich nun zu meiner Bestürzung feststellen, daß der sorgsam ausgewählte Kino-Streifen gar nicht auf dem Programm stand - wir waren auf einen Druckfehler hereingefallen. Statt dessen wurde ein Tanzfilm für die jüngere Generation feilgeboten. Um den Abend nicht ins Wasser fallen zu lassen, betraten wir leicht nervös den Vorführraum. Mit Recht, denn was sich uns in den nächste 11/2 Stunden bot, jagte uns nicht nur einen Schauer über den Rücken. Gegen diesen Streifen hatte „Dirty Dancing" wirklich Tiefgang.
Und damit bin ich wieder beim Gutschein. Beim Verschenken macht man sich oft gar keine Gedanken, was dieser kleine Schein anrichten kann. Oder etwa doch? Ist bei manchen Gutscheinen das „Gut" vielleicht gar nicht so gemeint? Ich hege langsam Zweifel. Sie nicht auch? Ist das eventuell eine neue Marktlücke? Und sofort entstehen neue Gutschein-Varianten vor meinem geistigen Auge: Steakhaus-Gutscheine für Vegetarier, Rundflug-Gutscheine für Flugverängstigte, Fernsehturm-Gutscheine für an Höhenangst Leidende, Weinverkostungs-Gutscheine für Abstinenzler, Zigarren-Gutscheine für Nichtraucher, Buch-Gutscheine für Legastheniker, Kreuzfahrt-Gutscheine für Seekranke. Das Spektrum ist groß, aber ob man das dann noch als GUTschein bezeichnen dürfte?