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Knaupps Kolumnen

Die Wahrheit

Freisprechanlagen - ich habe mich immer noch nicht daran gewöhnt. Obwohl die schon seit ca. neun Jahren in jedem Auto Pflicht sind. Na klar, diese Dinger sind eben sicherer. Telefonieren, ohne eine Hand am Ohr zu haben. Doch trotz des Wissens um die erwiesene Sicherheit, kann ich mich nicht so recht mit den Strippen anfreunden. Ähnlich ging es mir Mitte der 80ziger Jahre, als die Helmpflicht für Mopedfahrer eingeführt wurde. Vorher sah man mit wehenden Haaren auf dem, mit Jugendweihekohle finanziertem, Simson-Feuerstuhl aus, wie der personifizierte Ostblockrebell - mit der Helmpflicht dann eher wie der Zeichentrick-Calimero mit der Eierschale auf dem Kopf. Also, so richtig cool war das nicht. Aber eben sicherer.
Ähnlich ist das auch mit dieser Freisprechanlage. Nicht nur, daß die lockeren Posen mit dem Handy am Ohr entfallen, man sieht beim freisprechenden Telefonieren auch leicht blöde aus. Während der Fahrt oder schlimmstenfalls stehend an einer Kreuzung, klingelt das Handy und schon quatscht man munter drauf los. Die Tücke dabei ist, nur man selbst und der Telefonpartner wissen, daß sie gerade miteinander telefonieren. Für jeden anderen, der irgendwie einen Blick in das Auto werfen kann, sitzt da ein verwirrtes Individuum, das mit sich selbst spricht und dabei mimisch und gestisch voll entgleist. Bekloppt, aber sicherer.
Apropos Freisprechanlage - ein nettes Wort, in das man so einiges hineinspinnen könnte. Eine „Frei-Sprechanlage" wäre für so manchen Politiker nicht schlecht, wenn dieser beim Verlesen seiner Wahlversprechen, sich nicht mehr traut, den Blick in die Wählerschaft zu schicken. Oder eine Frei-Sprechanlage mit Ehrlichkeitsadapter. Alles Gesagte, sogar die größte Lüge würde sofort in die Wahrheit umgewandelt. Endlich wären Bundestagsdebatten, Politdiskussionen und jede Art von Wahlen wieder richtig interessant. Endlich würden einige Politprominente das sagen, was man schon lange vermutet. „Wir handeln erst und denken dann", „Ich bin nur dafür, wenn es mir persönlichen Nutzen bringt", „Egal wie hirnverbrannt die Idee, egal wie viel es die Bevölkerung kostet - auch idiotische Pläne werden durchgesetzt" - das wären dann die Diskussionsbeiträge. Manch ein politikbekanntes Gesicht würde sich mitten in einer Debatte zu Wort melden und munter über schwarze Konten plaudern, oder frei bekennen: „Ich bin scharf auf dieses Amt, weil ich auf diesem Posten am besten für mich selbst sorgen kann".
Immer die Wahrheit - das wäre nicht schlecht. Die Lehrer in den Schulen würden endlich zugeben, daß so einiges vom Lehrstoff im späteren Leben der Schüler keine Rolle mehr spielt. In den Ämtern würden sich die Beamten Luft machen und über die Bürokratie schimpfen. Auch bei der Fernsehwerbung wüßte man immer, woran man ist - oder was man isst. „Schmeckt nicht, ist schlecht - nur von Knüller muß es sein" oder „Ihr Vertrauen in unsere Bank ist nicht gerechtfertigt, wir verspekulieren ihre Rücklagen garantiert" - solche Slogans wären dann normal.
Immer die Wahrheit - das gäbe aber auch Probleme. Manch braver Familienvater müßte wahrscheinlich nach einer simplen Verkehrskontrolle wegen Beamtenbeleidigung in Staatsgewahrsam. Von der einen zur anderen Sekunde könnte ein jahrzehntegeprüfter ehelicher Haussegen, plötzlich mehr als schiefhängen. Kellnerinnen würden eventuell nach der Antwort auf die Frage: „Hat es Ihnen geschmeckt?" in Tränen ausbrechen. Auch die Begrüßung für unangemeldet hereinplatzende Verwandte würde sicherlich anders ausfallen. Liebe, aber nicht ganz ernst gemeinte Komplimente würden dann auch nicht mehr so gut ankommen.
Immer die Wahrheit - wäre schön, aber ein paar Notlügen sollten schon erlaubt sein. Denn wenn ich wirklich ehrlich bin, ist an manchen Tagen das fröhlich herausgeschmetterte „Guten Morgen" schon gelogen.