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Knaupps Kolumnen

Ich will mein Sommerloch

Ich will mein Sommerloch

Sommerloch - ein Begriff, der die alljährliche Ferienzeit umschreibt. Die Zeit, in der die Uhren etwas langsamer zu gehen scheinen, in der die Schulen geschlossen bleiben, Biergärten und Eisverkäufer Hochkonjunktur haben. Die Zeit, in der immer irgendein Bekannter aus dem Urlaub grüßt, aber man selbst mit durchgeschwitztem Hemd seinem Tagewerk nachgeht. Vor allem ist es aber die Zeit der TV-Wiederholungen. Es kann sich nur noch um Tage handeln, dann werden uns die zahlreichen Privatsender, aber auch die Öffentlich-Rechtlichen wieder mit ihren Sommerloch-Highlights verwöhnen. Die schon so oft gesendeten Filmhits, ewig ausgeleierte TV-Soaps, Edgar Wallace in schwarz/weiß und ähnliche Immerwiederkehrer. Wenn es ganz hart kommt, findet ein dienstbeflissener TV-Redakteur in irgendeiner verstaubten Archiv-Ecke auch noch die Dallas-Schmonzette oder den Denver Clan. Sissi oder Winnetou bleiben uns zum Glück bis zu den Weihnachtsfeiertagen erspart. Auch die sogenannten Reality Dokumentationen wie „Exclusiv - die Reportage", „Die Redaktion" oder „blitz" schlagen wieder zu. Mit wahnsinnig interessanten Beiträgen und hoch intellektuellen Titeln (Partyzone Mallorca - Saufen bis der Arzt kommt, Bikini-Alarm, Urlaubssex auf Ibiza), ergänzen sie das Sommerlochprogramm. Doch da sind wir Zuschauer abgehärtet, das hebt uns nicht mehr an. So ist eben das Sommerloch. Die Zeit, in der alles etwas ruhiger läuft ...
Und trotzdem ist es nicht wie immer. Der 22. September wirft seine Schatten voraus. An diesem Tag steht uns die Bundestagswahl ins Haus bzw. ins Land. Die Fernseh- und Radioanstalten schießen sich gerade auf dieses Ereignis ein, um uns in den nächsten Wochen mit dem Kampf ums Kanzleramt zu bombardieren. Es werden große Reden, schlaue Phrasen, gegenseitige Anfechtungen, Kandidaten-Portraits, TV-Duelle und Polit-Interviews auf uns niederprasseln. Mit Schröder, Stoiber und auch ein bißchen mit Westerwelle wird das Sommerloch gestopft. Die TV-Macher sind mindestens genau so heiß wie die Kanzleranwärter und werden unbarmherzig zuschlagen. Dutzende Abende werden uns die Kandidaten ihre Vorteile offenbaren. Alle drei werden sich für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und für soziale Gerechtigkeit aussprechen. Alle drei werden genau wissen, wie man den bestehenden Problemen zu Leibe rückt. Und jeder der drei wird erklären, daß es nur mit ihm als Kanzler eine positive Wendung gibt. Ich bin wirklich nicht unpolitisch, aber im Hinblick auf die kommenden TV-Schlachten und eben diese drei Kanzleranwärter beschleicht mich kein euphorisches Gefühl. Eigentlich weiß ich jetzt schon, daß es nicht lange dauern wird, bis ich mir mein Sommerloch zurückwünsche. Von mir aus auch mit Sissi oder Winnetou - also mit richtigen Schauspielern.