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Knaupps Kolumnen

Biomüll

Biomüll

Bücher sind etwas ganz Besonderes. Sie sind Zeitdokumentatoren und Geschichtenerzähler. Sie bringen unsere Kinder in den Schlaf und lassen unsere Augenringe, durch spannungsgeladene Nächte, Rekordtiefe erreichen. Sie vermögen uns zu fesseln, machen nachdenklich, können mahnen, schießen in Richtung Lachmuskulatur oder drücken auf die Tränendrüsen. In letzter Zeit ist es ja in Mode gekommen, daß jeder selbstverliebte Prominente meint, er müsse sich schriftstellerisch betätigen. Sie verzücken die Leserschaft mit ihren, meist nicht allein geschriebenen Memoiren, Biographien und Promi-Ratschlägen. Gerade vor der Weihnachtszeit erhoffen sie sich den kollektiven Leser-Kaufrausch. Stefan Effenberg will noch mal klarstellen „Ich hab's allen gezeigt" und Heino ist sich sicher „Und Sie lieben mich doch". Scheint den beiden sehr wichtig zu sein, daß noch mal zu betonen, bevor sie in der Versenkung verschwinden. Aber da kann ich mich auch irren. Von Fußball und Volksmusik habe ich überhaupt keine Ahnung. Wenn aber dieser Daniel Küblböck kurz nach der Pubertät „Ich lebe mein Leben" auf den Markt bringt, erstaunt mich das schon. Noch die Akne im Gesicht und schon aus dem Leben resümieren. Dagegen ist Susanne Juhnke mit „In guten und in schlechten Tagen" ja schreiberisch eher ein Spätzünder. Dann sind da noch die beiden TV-Krähen, die erst durch den Müllermilch-Kasper prominent geworden sind. Die eine hat so eine Art Schwangerschaftsführer in den Buchmarkt geboren. „Der kleine Feldbusch" ist untertitelt mit „Was Frauen so alles ausplaudern, wenn Hormone neun Monate durchdrehen ...". Hier bekommt die gebeutelte Käuferschicht neben Veronas geheimsten Tagebucheintragungen auch gleich ein Originalgemälde präsentiert. (Wer möchte denn sowas?) Sie gibt allen Schwangeren pränatale Musikempfehlungen, unfehlbare Schönheitstips, geniale Outfit-Ideen, Tricks und Kniffe für die Geburt eines prachtvollen Babys. Ich persönlich werde dieses Werk wohl nicht lesen. Mir haben die Inhaltsinfos auf dem Buchumschlag völlig ausgereicht. Gleich neben dem kleinen Feldbusch, der ja nun wirklich nichts für die mütterlichen Schriftstellerambitionen kann, steht „Ungelogen" von Nadja Abd El Farrag. Auf dem Rückcover wird das Buch wie folgt angepriesen: „Nach zwölf Jahren Liebe und Leidenschaft, Schlammschlachten und Prügeleien, Versöhnungen und falschen Treueschwüren, Erniedrigungen und Selbstaufgabe - die neue Freiheit". Moment mal, hat sich die Verfasserin nicht nach ihrer sogenannten Befreiung von einem lustigen Japaner ihre Brüste wiegen lassen?! Via Satellit natürlich. Das zeugt ja nun auch nicht gerade von geistiger Größe. Aber vielleicht war diese Wiegeaktion ja rein wissenschaftlicher Natur. Trotzdem wird auch diese Lektüre nicht den Weg in meinen Bücherschrank finden.
Das ist eben das Schöne für den Buchkäufer. Man liest sich die Rückseiten durch, hat seinen Spaß und denkt sich hämisch „Dich kauf ich eh nicht!"
Zum Glück stehen ja auch ernstzunehmende Werke in der Buchhandlung. Bücher die dem Überbegriff „Biographie" gerecht werden. Spannende und interessante Lebensgeschichten von ungewöhnlichen, unangepaßten, aufregenden aber auch traurigen Lebenswegen. Geschichten von Menschen, die ihre Biographien nicht mehr selbst erlebten, oder Memoiren von Autoren, für die der Profit nicht der Hauptmotor des Schreibens war. Da steht Anne Seghers neben Peter Ustinov und Manfred Krug. Thomas Mann lehnt an Erwin Strittmatter und Regine Hildebrandt klemmt vor Reich-Ranicki. Es gibt sie also doch noch, die lesenswerten Biographien.
Manch Promigekritzel gehört dagegen in die Sparte geistiger Biomüll.