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Knaupps Kolumnen

Rechtschreib-Anarchist

Rechtschreib-Anarchist

So, zum 1. August ist sie nun amtlich und voll in Kraft - die neue deutsche Rechtschreibung. Alle Versuche innerhalb der letzten fünf Jahre, die Rechtschreibreform zu kippen, sind damit fehlgeschlagen. Anfängliche Volksbegehren, Bevölkerungsbefragungen oder auch Bürgerabstimmungen (z.B. Schleswig-Holstein) haben nichts genutzt. Obwohl die breite Masse die neue deutsche Rechtschreibung noch immer als unsinnig empfindet - einmal beschlossen, wird auch der größte Blödsinn durchgesetzt. Irgendwie ja ärgerlich, aber eigentlich müßten wir uns ja mittlerweile ans „am Volk vorbei Beschließen" gewöhnt haben. Wer jetzt aber denkt, daß durch ein Inkrafttreten der Reform die vielen - von Steuern gutbezahlten - Rechtschreiberfinder aus der Wissenschaft, den Kultusministerien, irgendwelchen Gremien und Kommissionen endlich wieder einer gemeinnützigen Arbeit nachgehen, hat weit gefehlt. Wie eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für plötzlich perspektivlose Rechtschreibersinner anmutend, drohte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, die Bildungsministerin Doris Ahnen, auf dem Ministertreffen in Mainz mit der Gründung eines neuen „Rates für die deutsche Rechtschreibung". Dieser Experten-Rat beschäftigt sich dann mit nachfolgenden kleinen Änderungen, zusätzlichen Varianten von Schreibweisen und eventuellen Abwandlungen der durchgesetzten neuen deutschen Rechtschreibung. Also im Klartext: Auch nach fünf Jahren ist immer noch nicht Schluß. Das Hickhack um Groß- oder Kleinschreibung, um Getrennt- oder Zusammenschreibung, um „Doppel-S" oder „ß" geht wohl in die nächste Runde. Wie werden dann eigentlich die erneuten Änderungen bekanntgegeben? Gibt es dann ein monatliches Rundschreiben vom Kultusministerium an alle Ämter, Behörden, Schulen, etc? Das könnte dann ja vielleicht so aussehen: „Achtung, Achtung - erneute Änderung in der deutschen Rechtschreibung! Bitte schwärzen Sie in ihrem vorliegenden Exemplar auf der Seite 2 den Absatz 4 und ergänzen Sie ihn umgehend durch das erhaltene Rundschreiben. Diese Änderung tritt mit sofortiger Wirkung in Kraft."
Tja, da macht man sich jetzt schon wieder Gedanken, mit welchen neuen Rechtschreibideen wir wohl in Zukunft überrascht werden. Dabei ist mir bis heute noch nicht richtig klar, warum wir überhaupt eine neue Rechtschreibung brauchten. Ich empfinde diese Reform immer noch als unsinnig und nicht im entferntesten als einfacher und besser.
Ab dem neuen Schuljahr wird nun also in den Schulen nach der neuen Rechtschreibung zensiert, und auch die der Reform Verpflichteten können sich dann wohl nicht mehr wehren.
Wir, die weiterhin als reformfeindliche Subjekte der althergebrachten Rechtschreibung frönen, haben durch diese Reform ab 1. August eben eine allgemeine Rechtschreibschwäche. Eine Art Rechtschreib-PISA-Studie über die nicht mehr schulpflichtige Bevölkerung würde uns im Hinblick auf neue Schreibweisen wahrscheinlich zu Universal-Dilettanten stempeln. Doch eigentlich ist mir das komplett egal. Ich schreibe weiterhin so, wie ich es kann. Ich sehe keinen Sinn darin, mich umzuorientieren.
Und wenn es ganz hart kommt und der Duden mir mal zu eng wird, dann erfinde ich eben neue Wörter. Ätsch. Ab dem 1. August bin ich dann ein Rechtschreib-Anarchist.