Zeitung lesen
Knaupps Kolumnen

In der Schlacht

In der Schlacht

Wenn Sie denken, ich schreibe heute noch einmal etwas zur bevorstehenden Landtagswahl, dann haben Sie falsch gedacht. Als ob es keine anderen Themen gäbe. Themen, über die ich mich genauso echauffieren könnte, wie über die politischen Ränkespiele. So gibt es eine Sache, die mir gerade in jetziger Zeit den Schlaf raubt und mich zum aggressiven Schläger macht. Wie, Sie wollen wissen, wer mich so weit bringt? Die Mücken. Ja wirklich, die kleinste Mücke macht mich fertig. Tagsüber sind mir die Biester ja vollkommen egal. Aber nachts liege ich mit angsterfüllter Vorahnung auf meinem Nachtlager und warte ängstlich auf den gezielten Angriff. Doch die Mücke ist clever. Sie wartet, bis ich eingedöst bin. Wenn dann aber meine Augenlider zu schwer geworden sind, schmeißt sie langsam ihren Motor an und verläßt ihren Truppenstützpunkt in Richtung Knauppsches Opfer. Im Unterbewußtsein höre ich die fliegende Bedrohung mit ihrem feinen, entschlossenen Surren herannahen.
Doch im Schlafestaumel bin ich wehrlos. Bis es dann passiert. Der erste Stich, ganz leise, eigentlich nur angestochen. Ein Aufschrecken, Nachtischlampe an, Wunde inspizieren, Wände absuchen. Wo bist du Miststück? Mit einem als Schlaginstrument auserkorenen Kleidungsstück schleiche ich durch unser Schlafgemach. Immer bereit, bei Feindberührung alle Skrupel zu verlieren und erbarmungslos zu töten. Meist ohne Erfolg. Die Mücke ist mir kampf- und tarntechnisch überlegen. Sie sitzt in Startposition, und wartet auf ihrer Heimatbasis bis ich meine kriegerische Absicht mit dem Abschalten der Nachtischlampe erst einmal eingestellt habe.
Doch jetzt ist die Nacht nicht mehr wie vorher. Mit dem Wissen, daß dieser blutrünstige Feind sich meines Körpers bemächtigen will, kann ich nicht umgehen. Ich ziehe mir die Decke bis zu den Augenbrauen und bemerke dabei nicht, daß meine Füße freiliegen. Doch das hat die Mücke längst bemerkt. Und genau jetzt hat sie ihr neues Angriffsziel. Stich. Dann meine Hand, dann mein Ohr. usw., usw.. Ich bin mittlerweile so eingemummelt, daß ich kaum noch atmen kann und mir der Schweiß in den Augen brennt. Ich gebe auf. Ich bin zu müde, und mir ist furchtbar warm in meinem Versteck.
Doch der Aggressor kennt kein Mitleid. Er läßt erst von mir ab, nachdem ich ausgelaugt und angesaugt in einen lethargischen Tiefschlaf versinke. Meist ist die Nacht dann nur noch kurz. Morgens, nach zerknirschtem Erwachen, stelle ich mir dann die Frage aller Opfer: „Warum ich?". Es könnten wahrscheinlich zwanzig feigenblattbekleidete Leute mit mir in einem Zimmer liegen und ich hätte einen alten NVA-Schutzanzug an, bei dem nur die Nasenspitze unbedeckt wäre - genau diese freie Stelle wäre das Ziel des juckenden Terroraktes. Die zwanzig anderen potentiellen Blutspender würden ohne Stichattacke durchschlafen.
Doch jetzt beende ich meinen Krisenbericht. Ich habe schließlich noch andere Dinge zu erledigen. Es ist Dienstag der 14.09.04, 3.48 Uhr mitteleuropäischer Zeit, und ich befinde mich direkt auf dem Kampfplatz. Ich befinde mich mitten in der Schlacht.