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Knaupps Kolumnen

Im Pappkarton

Im Pappkarton

Seit ca. einem halben Jahr bin ich nicht mehr der „Herr der Fernbedienung". Durch Umzugsmaßnahmen und Zeitmangel mußte unser Fernseher zwischenzeitlich in einen dunklen Pappkarton ziehen. Ich bin sozusagen von der Fernsehwelt abgeschnitten. Das heißt aber nicht, daß ich etwas vermisse. Und die wirklich wichtigen TV-Highlights bekomme ich beim allmorgendlichen Kaffeekauf an der Tankstelle mit. Dort liegt nämlich, direkt im Kassenbereich, die BILD. Auch wenn mir dieses unheimlich informative Blatt relativ egal ist, so geht der Blick doch automatisch auf die Titelschlagzeile. Daher weiß ich auch, daß das Wunderwerk der Fernsehkultur „Dschungel-Camp" gerade eine neue Auflage erfährt. Der interessierte Blick ins Internet zeigte später die fantastische Dschungelcampbesetzung. Es sind wohl auch richtig taffe Prominente am Start. Obwohl, die tschechische Matratzen-Millionärin Dolly Buster ist wohl schon wieder raus. Die soll nach einem Streit mit der Kodderschnauzenkabarettistin Désirée Nick samt ihren Ballons das Weite gesucht haben (schreibt die BILD). Drinnen geblieben sind wohl noch einige abgehalfterte Pseudo-Prominente wie das lebende Milli Vanilli Mitglied. Wurde der nicht vor Jahren als musikalisch impotent bezeichnet? Ein abgehalfterter Fußballspieler, ein diätversuchgebeutelter Showmaster und eine Ex vom Tennis-Boris durften auch mal wieder ins Fernsehen. Ach so, die Mitkandidaten Naddel, so ein Lindenstraßentyp und die neunlive-Ikone Isabell Varell haben wohl auch schon bessere Zeiten gesehen. Dann ist da noch der Schönling Karsten Spengemann. Der ist Schauspieler, Moderator und wohl auch ein schlimmer Finger, mit dem sich die Justiz beschäftigen mußte. Da war mal so eine Sache mit einem teuren Schmuckstück. Genaueres weiß ich aber auch nicht.
Also eigentlich muß man nicht so viel können, um bei diesem Camp mitzumachen. Wenn man das möchte. Ich möchte schon mal. Nur mal einen Tag, zum persönlichen Spaß. Nur mal ein paar Stunden als der Rächer der Fernsehgequälten. Ich würde dann den Milli Vanilli zum Singen in der Öffentlichkeit überreden, und Harry Wijnvoord heimlich Schokolade in den Schlafsack stecken, um ihn dann des Bruches der Campregeln zu beschuldigen. Ja, ich wäre richtig fies. Den Jimmy Hartwig würde ich mit meinen dilettantischen Fußballkenntnissen nerven, die Nick müßte mit der wiedergekehrten Dolly in einem Schlafsack schlafen, was bei der Oberweite der Einen nicht ganz leicht wäre. Der olle Lindenstraßen-Willi müßte täglich Mutter Beimer imitieren, und Heydi Nunez Gomez müßte Beckers Memoiren auswendig lernen. Die Varell müßte sich alte Videos aus der Zeit ansehen, in der sie sich noch nicht für jeden televisionären Mist hergegeben hat, und dem Spengemann würde ich schlicht und einfach Abführmittel in seine Wasserration kippen. Nur die Naddel würde ich in Ruhe lassen. Die ist schon gebeutelt genug.
Nach diesem Tag müßte ich dann wohl aus dem Untergrund heraus agieren. Die einschlägigen Sender könnte ich durch verschlüsselte Zeitungsanzeigen der Volksverdummung bezichtigen, und die zuschauerischen Einschaltquotenerhalter auf seelische Grausamkeit gegenüber der restlichen Fernsehbevölkerung verklagen. Wenn ich dann schon mitten in der Abrechnung wäre, würde ich vielleicht auch gleich zum Boykott gegen die Firmen aufrufen, die die wenigen ansehenswerten TV-Beiträge durch ihre Werbeblöcke zerreißen.
Doch ich bin nun mal nicht Robin Hood. Und eigentlich hat jeder Fernsehzuschauer, der sich den Schwachsinn antut, auch genau diesen verdient. Ich kann mich zum Glück nicht mal aus Versehen in so einen Mist verschalten. Unser Fernseher erholt sich ja gerade im Pappkarton.