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Knaupps Kolumnen

Adventstraum

Adventstraum

Jetzt ist sie also angebrochen, die Zeit der Kalorienkracher, der Räuchermännchen und Schwibbögen. Schwibbögen haben ja schon lange Tradition. Schon zu Ostzeiten plazierten die stolzen Besitzer die erzgebirgische Rarität auf den Fensterbänken. Mittlerweile sind die seichten Lichter nichts Besonderes mehr. Dafür wird mancher Vorgarten dekotechnisch so aufgerüstet, daß es von weitem aussieht, als würde hier dringend eine Löschtruppe der Feuerwehr benötigt. Lichterschläuche winden sich um Zäune, sämtliches Vorgartengrünzeug wird mit bunten Lämpchen bespickt, und Lichterketten baumeln von Hausfassaden. Traurige Weihnachtsmannpuppen werden an Dachkästen getackert, und dümmlich dreinschauende Deko-Elche bewachen kranzbeschmückte Eingangstüren. Zum Glück sind Geschmäcker verschieden, und auch das schlimmste Vorgarteninferno ist ein deutliches Zeichen: Wir sind mitten in der Adventszeit.
Auch in den Arbeitsagenturen weihnachtet es sehr. Zur Zeit kann man dort Minijobs für den 24. Dezember oder für eine davor gelagerte Weihnachtsfeier erhaschen. Auch Langzeitarbeitslose können sich als Weihnachtsmann vermitteln lassen. Es ist schon fast ein Geschenk, einmal im Jahr zu spüren, daß man gebraucht wird. Man sollte sich um dieses Hochgefühl aber schnellstens bemühen. Im Moment haben die Arbeitsämter andere Sorgen. Laut neuester Meldungen werden in einigen Agenturen die Mitarbeiter in Selbstverteidigung geschult. Die Angst vor den Arbeitslosengeld II-Verlierern geht um.
Auch sonst hört man in der Adventszeit erstaunliche Dinge. Einige Ausbilder im deutschen Heer geben sich besondere Mühe, aus den Rekruten ganze Männer zu machen. Wenn der Ernstfall geprobt wird, ist für Weicheier kein Platz. Da kann es schon mal passieren, daß der Bundeswehrfrischling mal einen Handkantenschlag oder eine Eiswasserdusche abbekommt. Sicherlich nur zur Abhärtung. Schließlich kennt auch der imaginäre Feind keine Gnade.
Brandenburgs Verkehrspolizisten haben sich auch in diesem Jahr wieder ein Bienchen verdient. Bei der Bußgeldvergabe, haben sie wohl von Januar bis Oktober 37,5 Millionen Euro eingespielt und ihre Zielsetzung bei weitem übererfüllt. Das nenne ich emsig. Mittlerweile wird ja behauptet, daß die Beamten mehr oder weniger zu dieser Art von Devisenbeschaffung angehalten wurden und ihre Tätigkeiten nicht nur auf Unfallschwerpunkte beschränkten. So ein Blödsinn. Es ging ausschließlich nur um die Verkehrssicherheit. Oder?
Auch die neue Erhöhung der Tabaksteuer ist natürlich nur in unserem Sinne. Hierbei geht es schließlich um unsere Gesundheit. Daß die deutschen Tabakbauern dabei den Bach runtergehen, ist natürlich ein blöder Nebeneffekt. Auch der Zigarettentourismus nach Polen war wohl so nicht geplant. Aber eigentlich dürfte das ja unserem Staatshaushalt egal sein. Es geht den Bestimmern ja nur um unser Wohl und nicht etwa um das Ausschöpfen möglicher Einnahmequellen.
Doch trotzdem geht es unserem Haushalt nicht gut. Wir haben Schulden und Defizite. Wir müssen sparen. So wurde im Potsdamer Landtag mal wieder über Kürzungen bei der Kinderbetreuung in Kitas debattiert. Nachdem Platzeck in seiner Regierungserklärung Sparmaßnahmen an Kitas noch ausgeschlossen hatte, war der brandenburgischen CDU-Fraktion diese heilige Kuh nicht mehr ganz so heilig. Eher dachten sie laut über die Schlachtung nach. Natürlich nur zum Wohle aller. Und wenn Bildung, Wissenschaft und Technologie den Sparmaßnahmen zum Opfer fallen, braucht man ja auch keine schlauen Kita-Kinder, die später auch noch einen vernünftigen Beruf fordern.
Dabei könnten die dringend gebrauchten Gelder ganz anders organisiert werden. Wir müßten alle nur an einem Strang ziehen. Wir sollten die Politik uneigennützig unterstützen. Ja, auch die Nichtraucher sollten täglich zwei Schachteln Zigaretten in hiesigen Einkaufsquellen erwerben. Die Minijob-Weihnachtsmänner könnten ihren knappen Verdienst spenden, die brandenburgische Verkehrspolizei noch ein paar Überstunden schrubben und die in Verteidigung geschulten Arbeitsamtsmitarbeiter sollten eigenmächtig das reichlich bemessene Arbeitslosengeld halbieren. Ach so, die Sadomasochisten aus der Bundeswehr könnten mit dem Kauf von Siebenstriemern und eisernen Jungfrauen die Leder- und Eisenwarenbranche ankurbeln.
Das eingenommene Geld könnten wir dann der Regierung spenden - in der Hoffnung auf eine sinnvolle Verwendung. Aber gerade die sinnvolle Verwendung dieser Gelder bliebe dann wohl nur ein Adventstraum.