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Knaupps Kolumnen

Wunder

Wunder...

... gibt es immer wieder. Nee, ich meine jetzt nicht die spontane Verwunderung, die manch unvorhergesehene Situation hervorruft. Obwohl ich ab und zu schon sehr verwundert bin. Zum Beispiel wenn ich morgens im Bad stehe, und nach einem kurzen Blick in den Spiegel das Gefühl habe, daß das Gesicht das ich da gerade rasiere, gar nicht mir gehört. Dieses Trugbild löst sich dann aber auch gleich wieder auf, und ich muß einsehen, daß nicht nur der Bettbezug sondern auch jedes gelebte Jahr seine Spuren hinterlassen hat. Aber das meine ich ja auch nicht mit „Wunder". Ich meine auch nicht das Wunder, daß unser Außenminister mittlerweile zum Pavarotti-Double mutiert und trotz seiner Dickleibigkeit und einer großen Portion Arroganz immer jüngere Frauen abschleppt. Das ist kein Wunder, daß ist der Prominentenbonus. Mir geht es um diese ganz besonderen Ereignisse. So ist jetzt einem Mann aus Leipzig der Papst erschienen. Gut, das ist auch noch kein richtiges Wunder. Aber der Benedikt ist ihm beim Schnitzelbraten auf demselbigen erschienen. Na, jetzt sind Sie platt. Das war der Leipziger wohl auch. Da brät man ahnungslos ein Stückchen Fleisch, und plötzlich erscheint das Gesicht vom ersten Stellvertreter des großen Chefs in der Panade. Wenn das kein Wunder ist. Das dachte sich der Mann aus Leipzig auch, knallte das heilige Schnitzel erst mal in den Tiefkühler und ergrübelt eine Vermarktungsstrategie. Mittlerweile kann man das Schnitzelwunder übers Internet ersteigern. Das fleischige Papstkonterfei steht gleich neben dem „Heilige Maria-Toast" und der abgefallenen Nase von Michael Jackson. Ich habe mir schon überlegt mitzusteigern. Nee, nicht weil ich das Schnitzel haben will. Mir tut dieser arme Mann leid. Von dem ersteigerten Geld könnte er sich dann den dringend benötigten Aufenthalt in einer psychiatrischen Anstalt seiner Wahl leisten.
Wunder haben ja etwas mit Glauben zu tun. Und in einer Zeit, in der es scheint, daß der Glauben an soziale Gerechtigkeit und vernünftige Reformen in der Politik verloren gegangen ist, muß man sich wohl damit abfinden, daß manch einer sein Seelenheil in einem Stückchen Hinterkeule sucht.