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Knaupps Kolumnen

Zu leise

Zu leise

Neun Babyleichen in Brieskow-Finkenheerd. Eigentlich wollte ich zu diesem Thema nichts schreiben. Warum nicht? Der Leichenfund hat medial schon überall größte Aufmerksamkeit. Außerdem findet man kaum die passenden Worte. Täglich kommen neue grausame Einzelheiten dazu. Man ist persönlich erschüttert. Da ist Fassungslosigkeit und Unverständnis. Es stellt sich die Frage nach dem Warum, die Frage nach dem Wie. Wie ist es möglich, daß eine Frau neunmal schwanger ist, ihre Kinder austrägt, sie nach der Geburt tötet - und keiner will etwas bemerkt haben? Hier ist nichts mehr nachvollziehbar, nichts erklärbar. Kindstötung - plötzlich ganz nah, real und in einem vorher hier nicht gekanntem Ausmaß. Wir sind betroffen. Dieser kollektive Aufschrei, der durch unser Land geht, hat seine Berechtigung. Na klar, es geht um die Schwächsten, um die Kinder.
Und schon bohrt sich die nächste Frage ins Gehirn. Warum sind wir so stark betroffen? Sind wir so betroffen, weil es eben plötzlich so nah dran ist? Ist die Betroffenheit so groß, weil es unmittelbar vor unserer Haustür geschah?
Es ist aber dieser momentane Aufschrei, der mich überlegen läßt. Ist dieser Schrei so massiv und laut, weil es plötzlich zu regional wird? Können wir wirklich besser damit leben, wenn Grausamkeiten weiter weg sind? Ist die Betroffenheit größer, wenn man nicht die Möglichkeit hat, auf ein anderes Fernsehprogramm umzuschalten? Ich möchte hier wirklich keine Kolumne mit erhobenem Zeigefinger schreiben. Mich haben die letzten Tage, verschiedene Gespräche und einige Internetexkursionen nur sehr nachdenklich gemacht.
Laut UNICEF sterben 10,6 Millionen Kinder jährlich. Afrika, Asien, Lateinamerika usw. stehen ganz oben auf der Liste des „stillen Massensterbens". Aber auch Osteuropa, die ehemalige Sowjetunion, ist mit 215.000 toten Kindern dabei. 10,6 Millionen Kinder jährlich. 29.000 Kinder täglich. Die Todeslisten sind unendlich. Die Todesursachen sind bekannt. Armut, Hunger, Krankheit, Krieg - alles Oberbegriffe für unzähliges Leid - täglich, stündlich.
Doch wo bleibt hier der Aufschrei? Wird man nur laut, wenn man aus dem persönlichen Alltag gerüttelt wird, wenn in der Nähe Unfaßbares geschieht?
Wenn das wirklich so ist, dann ist man sonst leider fast immer - zu leise.