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Knaupps Kolumnen

Verloren

Dies ist die Geschichte von einem alten Bekannten. Einem alten Farbfernseher. Als ich vor einiger Zeit durch irgendein Dorf fuhr, sah ich ihn stehen. Allein und verlassen stand er am Straßenrand. Fast hätte ich ihn nicht wiedererkannt, aber irgendwie schien er mir vertraut. Es war in den Abendstunden, ich stand nicht unter Zeitdruck - also hielt ich an. Ich ging auf ihn zu und mir war, als stehe ich einem Relikt aus meiner Vergangenheit gegenüber. Es war zwar nicht das Gerät, das unser Wohnzimmer in den 80er Jahren krönte, aber es war eben ein naher Verwandter. So etwas verbindet. Ich nickte ihm zu und hockte mich daneben. Schweigend zündete ich mir eine Zigarette an und blies blauen Rauch in den Abendhimmel. Er stand neben mir und sah ziemlich fertig aus. Das Leben hatte ihn wohl ganz schön mitgenommen. Das ehemals edle Holzdekor war zerschrammt und ausgeblichen. Es fehlten ein paar Knöpfe und auf den Lautsprechern klebten bunte Fußballbilder. Oben zeichnete sich ein Wasserrand ab, der wahrscheinlich von einem achtlos abgestellten Glas oder aber einer Blumenvase stammte. Er machte einen heruntergekommenen Eindruck. Ein Verlierer eben.
Plötzlich fing er an zu erzählen. Von früher. Wie aufgeregt er während seiner Fertigstellung war. Wie ihm schon im Lager des Herstellerwerkes versichert wurde, daß er etwas ganz Besonderes wäre. Eine goldene Zukunft wurde ihm ausgemalt. Und er glaubte daran. Schließlich war er ein Farbfernseher. Er war nicht billig und wurde nicht in allzu großer Stückzahl produziert. Für die Familie, die ihn sich ergattern konnte, war er eine Art Luxuskarosse für die Schrankwand.
Und so war es dann auch. Nach Bezug seiner neuen Heimstatt, einer furnierten Kombinations-Eck-Schrankwand Typ „Erika", wurde er bestaunt, gehätschelt und mit Politur gepflegt. Das war ein schönes Leben. Er saß im Zentrum der Familie und steuerte seinen Beitrag zur Verschönerung des Alltags dazu. Er unterhielt seine Familie mit bunten Sendungen und sorgte für Kurzweil. Und doch gab es Dinge, die ihn unangenehm berührten. Filme mit staatsmachtfreundlichem Inhalt, Übertragungen von angeordneten Maidemonstrationen oder auch Trauerzüge vom Roten Platz. Das war nicht so sein Ding. Da fühlte er sich irgendwie ferngesteuert, eingezwängt und unmündig. An manchen Abenden flimmerte die „Aktuelle Kamera" oder auch „Der schwarze Kanal" über seinen Bildschirm. Bei diesen Beiträgen überfiel ihn manchmal so eine Übelkeit, daß er am liebsten explodiert wäre.
Aber es gab auch schöne Abende. Er wußte, daß immer, wenn die Gardinen zugezogen wurden, er endlich in die bunte Welt der Bundesrepublik abtauchen konnte. Dort war alles so anders. Eine Welt voller Errungenschaften, modernster Technik und Überfluß. Daß auch diese Welt eine Scheinwelt war, wurde ihm erst später bewußt. Erst einmal ärgerte er sich über altbackene und verlogene Durchhalteparolen.
Dann passierte es. Über Nacht wurde plötzlich alles anders. Menschen lagen sich in den Armen, Verbrüderungen und Zukunftseuphorie überall. Die Zeichen standen auf Neuanfang. Und die TV-Landschaft blühte. Knoppers, Pepsi, Traumschiff, Schwarzwaldklinik, Traumhochzeit, Gala der Volksmusik - eine weichspülende Kulturschockwelle. Mit den ganzen tollen Neuerungen kamen auch die Nepper, Schlepper und Bauernfänger ins Land. Wer in dieser Zeit nicht richtig aufpaßte, der konnte so manches Wunder erleben. Oft kein positives. Aber natürlich hatte diese Zeit auch etwas Besonderes. Es lag eine magische Umbruchstimmung in der Luft, es wurden Ideen verwirklicht, man wollte die eigene Zukunft gestalten. Man mußte nur fit genug sein. Fit und flexibel, um in dieser neuen Zeit zu bestehen.
Der DDR-Farbfernseher fühlte sich eigentlich noch relativ fit. Aber flexibel? Die technischen Neuerungen verlangten ihren Tribut. Zwei Jahre nach der Wende mußte er seinen angestammten Platz verlassen. Ein hochwertigeres silberfarbenes Markengerät kam an seine Stelle. Er kam in die Auffangstation Kinderzimmer. Hier wurde er, vom Sohn seiner Familie, mit den bunten Fußballbildchen beklebt. Aber egal, er hatte immer noch eine Aufgabe. Leider nicht lange. Obwohl noch funktionstüchtig, wurde er gegen einen Computer ausgetauscht. Seine nächste Station war der Keller. Hier gab es einen Partyraum, in dem zu früheren Zeiten immer gut gefeiert wurde. Gefeiert wurde hier mittlerweile selten. Dafür wurde allerlei Gerümpel gelagert. Nun stand er auch dabei. Doch ein Fünkchen Hoffnung bewahrte ihn vor der Kapitulation. Die Tochter des Hauses mußte, bedingt durch mangelnde regionale Job-Perspektiven, in den Schwarzwald abwandern. Vielleicht könnte sie ihn ja noch gebrauchen. Doch Fehlanzeige. Er war nicht auf dem neuesten Stand. Keinen Scart-Anschluß, kein Videotext, nicht DVD-kompatibel.
Es kam, es wie es kommen mußte. Seine letzte Station war der Schuppen. Abgestellt, eingestaubt und vergessen. Jahrelang. Im schwachen Licht der verdreckten Milchglasscheiben träumte er von vergangenen Zeiten. Bis vor kurzem. Da wurde er aus seiner Lethargie gerissen. Als man ihn aus dem Exil holte, blendete ihn das ungewohnte Sonnenlicht. Was hatte man mit ihm vor? Bekam er doch noch ein Chance? Doch statt ihn ins Haus zu tragen, wurde er am Straßenrand abgestellt. Jetzt stand er da und wußte, daß seine Zeit abgelaufen ist. Er ist zu alt und unflexibel. Er weiß, er hat verloren.