Zeitung lesen
Knaupps Kolumnen

Von Märchen und Wirklichkeit

Lesen Sie Märchen? Ich habe sie als Kind verschlungen, und ich lese sie jetzt wieder. Mittlerweile fungiere ich meist als Vorleser. Mein nächster Verwandter sitzt dann neben mir, und hört mit offenem Mund zu. „Bobo Siebenschläfer", „Geschichten aus dem Kukalukaland" oder „Bob der Baumeister" sind moderne Geschichten, und bei unseren Kindern voll angesagt. Immer wieder greift man aber auch auf die guten alten Märchen zurück. Diese beginnen oft mit: „Es war einmal ..." und enden dann: „Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute". Zwischen dem Anfang und dem Ende geht es in diesen Märchen manchmal ganz schön heftig zur Sache. Mal schaurig und leicht blutrünstig, mal romantisch und herzerwärmend, aber immer mit Happy End. Die Geschichten, die die Gebrüder Grimm und Co. damals zu Papier brachten, sind auch heute noch nicht angestaubt. Mit etwas Phantasie könnten sie auch in der Gegenwart stattfinden. Etwas aufgelockert und in Nachrichtenform verpackt, würden sie glatt als aktueller Zeitungsinhalt durchgehen. Wie, Sie glauben es nicht? Also dann los.
• Vier, die ihr Leben lang bei geringem Verdienst geschuftet haben, nahmen ihren Mut zusammen und kündigten ihrem Ausbeuter. Sie verbündeten sich, besetzten ein Haus und wehren sich jetzt gegen die Räumungsklage krimineller Spekulanten. (Die Bremer Stadtmusikanten)
• Die von Habgier zerfressene Ilse Bill trieb ihren Mann durch kostspieligen Lebensstil in den finanziellen Ruin. Der Fischer mußte Konkurs anmelden. (Vom Fischer und seiner Frau)
• Röschen Dorn wurde das Opfer einer Familienfehde. Bei einem Streit zwischen ihren Eltern und einer entfernten Verwandten traf sie der Schlag. Röschen Dorn liegt bis zum heutigen Tag noch im Koma. (Dornröschen)
• Die bekannte Bettenschüttlerin Vera Holle belohnte ihre bevorzugte Angestellte Marie mit Gold. Eine weitere Bedienstete der Geschäftsfrau mußte sich mit schweren Verbrennungen im Stadtkrankenhaus behandeln lassen. Angeblich sei sie durch ihre aufmüpfige Art bei Fr. Holle in Ungnade gefallen, worauf diese sie mit heißem Pech überschüttete. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. (Frau Holle)
• Eine Stadt unter Schock. Wie jetzt von der Pressestelle der hiesigen Polizei zu erfahren war, haben verantwortungslose Eltern ihre beiden Kinder im tiefen, dunklen Wald ausgesetzt. Als Grund für diese unvorstellbare Tat gaben sie ihre aussichtslose finanzielle Situation an. Die Kinder, Hans und Gretel, gerieten im Wald an eine unbekannte weibliche Person. Wie die Polizei jetzt ermitteln konnte, ist die Frau in kanibalischen Kreisen unter dem Decknamen „Hexe" bekannt. Nach drei Tagen der Gefangenschaft gelang es den Kindern, ihre Peinigerin zu überwältigen. Bevor aber ein Gericht über eine mögliche Unzurechnungsfähigkeit der Hexe debattieren konnte, fand diese in ihrem Backofen ein grausames Ende. Selbstmord, aber auch vorsätzlicher Mord können zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden. Die Kinder befinden sich zur Zeit in der Obhut des Jugendamtes, die Eltern sitzen in Untersuchungshaft. (Hänsel und Gretel)
• Der alleinerziehende Familienvater G. Punzel wurde von seiner Nachbarin als Kräuterdieb entlarvt. Für die Zeit seiner Inhaftierung wurde seine Tochter in die Obhut der kinderlosen Nachbarin gegeben. Diese ist Inhaberin eines Studios für Haarverlängerungen, in denen R. Punzel jetzt als Werbeträgerin arbeiten muß. Erst mit der Heirat des Mädchens wird der schlecht bezahlte Knebelvertrag aufgehoben. (Rapunzel)
• Eine alternde Schönheitskönigin hat vier Anschläge auf das Leben ihrer jüngeren Konkurentin Annika Schneewitte gestanden. Die Täterin befindet sich zur Zeit in einer psychiatrischen Anstalt. Nach Zeugenaussagen hat sie sich in letzter Zeit oft mit ihrem Spiegel unterhalten. Das Opfer ist auf dem Weg der Besserung und wird in den nächsten Tagen das Hospital verlassen. Ihre sieben kleinwüchsigen WG-Mitglieder bitten die Presse, von einem Medienrummel abzusehen. (Schneewittchen)
• Seit gestern fahndet die Polizei nach einem kleinen Mädchen und seiner Großmutter. Das Kind war am gestrigen Tage mit kalorienhaltiger Süßware und einer Flasche billigem Wein unterwegs zum Ferienhaus der Familie. Dort im Stadtwald sollte sich das Kind um die erkrankte Oma kümmern. Seitdem fehlt von beiden Personen jegliche Spur. Ein Verbrechen kann nicht ausgeschlossen werden. Sachdienliche Hinweise nimmt die Revier-Försterei oder der verantwortliche Jäger entgegen. (Rotkäppchen)
Na, überzeugt? Das hört sich doch ganz nach unserer heutigen Zeit an. Man könnte diesen Faden jetzt noch beliebig weiterspinnen. So muß auch heute noch manch eine Prinzessin mehrere Frösche küssen, um ihren Prinzen zu finden. Um die Männerwelt für sich einzunehmen, lassen sich Frauen mit dem Skalpell eines Chirurgen hinderliche Teile entfernen. Rucke di guh, Blut ist im Schuh.
Fazit: Märchen und Wirklichkeit liegen dicht beieinander. Mal schaurig und blutrünstig, mal romantisch und herzerwärmend. Leider fehlt in der Wirklichkeit zu oft das Happy End.