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Knaupps Kolumnen

... ach, egal

Die Tage sind stürmisch. Der Herbst ist da und mit ihm greift die kalte Jahreszeit mit feuchtmatschigen Fingern nach uns. Die Feinrippleibchen und die Roßhaarsocken harren ihrem Einsatz entgegen, die Blätter an den Bäumen haben sich verfärbt und ziehen einen Schlußstrich unter ihr kurzes Dasein. Sie verlassen das Geäst und sinken, einem depressiven Abschiedsgruß gleich, zu Boden. Da liegen sie dann noch eine Weile herum, und gammeln so vor sich hin.
Scharen wilder Zugvögel kämpfen sich mit lautem Gezeter und in gut formierten Flugverbänden durch den kalten Herbsthimmel. Das artverwandte flügelgestutzte Federvieh hingegen ist zur Bodenhaftung gezwungen und ahnt noch nichts vom bevorstehenden Desaster. Dabei rückt die alljährliche vorweihnachtliche Ausblutungszeremonie immer näher. Vielleicht ist dieses intensivere Schlachtverhalten auch der Grund dafür, daß all das Fluggetier, welches des Langstreckenfluges mächtig ist, sich hier jetzt schleunigst aus dem Staub macht?! Die können ja nicht wissen, daß wir im Moment nur vogelartiges Fleisch aus Massen-, aus Käfig- oder bestenfalls aus Freilandhaltung töten. Doch ich schweife ab. Dabei wollte ich Ihnen eigentlich nur mitteilen, daß in ein paar Wochen Weihnachten ist.
Ja, Sie haben richtig gelesen. In zehn Wochen und ein paar Tagen ist schon der sogenannte heilige Abend. Auch Ungläubigen wie mir ist dieser Abend irgendwie heilig. Alle gesund beieinander, dazu besagtes Geflügel (tot, aber knusprig), Rotwein, Räucherstäbchen, „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" - fertig ist die Laube bzw. der Weihnachtsabend. Schnee gibt es termingerecht schon lange nicht mehr, man könnte aber die tannengeschmückten Balkonkästen mit Rasierschaum verzieren. Das sieht gut aus und unterstützt die Shaving-Industrie.
Eigentlich sind wir jetzt schon mitten in der Vorweihnachtszeit. Die Vermarktungsstrategien der Lebensmittel- und Genußwarenindustrie haben den Herbst ja abgeschafft. Dadurch beginnt das kulinarische Jahr hier mit österlichen Schokohasen, geht danach gleich zur vakuumverpackten Grillspezialitätensaison über, worauf sofort die Pfefferkuchenzeit folgt. Ab September - Weihnachtsgebäck soweit des Einkäufers Auge reicht. Ja, ich weiß, das ist schon seit 19 Jahren so. Mit dem Verschwinden der staatlich verordneten Winkelemente zum Republikgeburtstag überraschte uns die plötzliche Marktwirtschaft mit weihnachtlicher Konsumfülle zur Herbstzeit. Und das hat sie bis heute beibehalten. Tat ich mich zu damaliger Zeit schon mit diesen Winkelementen schwer, so habe ich mich auch nie an die herbstlichen Weihnachtseinstimmer gewöhnt. Aber ich schweife ab ...
Obwohl, vielleicht sind wir daran ja selbst schuld. Es könnte ja möglich sein, daß kurz nach der Wende, durch eventuelle Logistikprobleme, die weihnachtstypischen Geschmacksträger verfrüht ins Neuland geliefert wurden. Als gelernte DDR-Bürger haben wir dann sicherheitshalber auf Vorrat gekauft. Der Herr Ferrero und die Frau Sarotti mußten dadurch ja den Eindruck gewinnen, daß hier das Weihnachtsfest schon im September beginnt. Ist doch logisch. Oder!?
Aber ich schweife schon wieder ab. Ich wollte Sie doch nur vorwarnen, daß in zehn Wochen Weihnachten ist. Wer also jetzt noch auf ein vernünftiges Herbstgefühl spekuliert, der sollte sich beeilen. In sieben Wochen beginnt die Vorweihnachtszeit, dann hat es sich gefühlstechnisch ausgeherbstet. Also los, bevor es zu spät ist. Ergötzen Sie sich am güldenen Licht und dem besonderen Farbenspiel der sonnigen Herbsttage. Genießen Sie das zarte Rascheln der herabfallenden Blätter auf matschigem Untergrund. Schimpfen Sie kräftig über die durchnäßte Dauerwelle und verklagen Sie ihren Regenschirmhersteller auf Sturmschadenersatz. Tauchen Sie ein in die frostige Kälte der morgendlichen Dunkelheit und ... Moment, ich schweife schon wieder ab. Dabei wollte ich Ihnen doch eigentlich nur mitteilen, daß ... ach, egal.