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Knaupps Kolumnen

Kommentar zur Corona-Situation von Frank Hauke-Steller

Wir alle kennen Professor Christian Drosten. Doch wer ist der prominenteste deutsche Virologe wirklich? Einer breiten Masse wurde er vor zehn Jahren bekannt, als er mit großem Alarmismus vor der Schweinegrippe warnte: „In einem Zeitraum von fünf bis sechs Wochen“ werde der gefährliche Virus „über Deutschland hinwegziehen“. Drosten, seinerzeit Leiter des Instituts für Virologie der Universitätsklinik Bonn, rief „dringend dazu auf, sich gegen die Schweinegrippe impfen zu lassen“. wie die „Süddeutsche Zeitung“ am 17.05.2010 berichtete. Die damalige Bundesregierung unter Angela Merkel schaffte auch daraufhin 60 Millionen Impfdosen an. Da sich Drostens Prophezeiungen als komplette Luftnummer herausstellten, mussten die Arzneien und mit ihnen eine geschätzte viertel bis halbe Milliarde Euro Steuergelder verbrannt werden. Jeder kann sich einmal irren. Das ist menschlich. Doch es drängt sich die Frage auf, warum die Bundeskanzlerin auch heute dazu aufruft, nur Drosten und keinen Experten mit abweichenden Erkenntnissen zu trauen. Könnte er sich nicht ein zweites Mal – diesmal sogar noch mit viel verheerenderen Wirkungen – irren? Auffallend ist, wie oft sich der angeblich weltweit führende Virologe auch in Sachen Corona schonrevidieren musste: Masken für die Bevölkerung, zum Beispiel, waren erst Unfug, jetzt hält er sie für unverzichtbar. Und seine aktuelle Studie über die angeblich hohe Infektiosität von Kindern, mit der er vor Schul- und Kitaöffnungen warnt und bei Merkel auf offene Ohren stößt, wird international zerrissen. Das Gegenteil sei richtig: Zum einen bekommen Kinder deutlich seltener das Virus, zum anderen seien sie kaum ansteckend, haben andere Untersuchungen ergeben. Drosten verheimliche zudem seine Datenbasis – ein in der Forschung schwerwiegender Vorwurf. Nur leider erfährt man in den deutschen Medien nichts davon. Dort gilt Drosten weiter als Messias. In unserem Sprachraum ist man, wie schon in der Flüchtlings- und Eurokrise gezwungen, seriöse Schweizer Medien zu lesen, um sich umfassend zu informieren. Dort wird ernsthafte wissenschaftliche Widerrede gegen den 48-Jährigen veröffentlicht, die in Deutschland tabu ist. Zurück zu Drostens Irrungen und Wirrungen: Die von ihm beratene Kanzlerin hatte erklärt, dass der Lockdown beim Erreichen einer Verdopplungszahl der Infektionen von zehn Tagen aufgehoben werde. Als wir soweit waren, sollten es plötzlich zwölf bis 14 Tage sein. Inzwischen haben wir die100-Tage-Marke weit überschritten. Nun zaubert Drosten plötzlich die Reproduktionszahl aus dem Hut. Ein Kriterium, das niemand nachrechnen kann und vom Robert-Koch-Institut selbst nur geschätzt wird. Politiker von FDP und AfD äußern offen ihre Befürchtung, dass diese Vorgehensweise zur Manipulation einlädt. Fest steht, dass die Zahl der aktuellen Corona-Fälle (Infizierte minus Genesene und Todesfälle) von Tag zu Tag auf einen neuen Tiefstand fällt. Die Kranken-Rate liegt in ganz Deutschland inzwischen im 0,02-Prozent-Bereich. Nun redet Drosten plötzlich von der viel gefährlicheren „zweiten Welle“. Diese drohe, wenn die Maßnahmen nun langsam gelockert werden. Kann es sein, dass wir es hier mit einer ähnlichen Panikmache wie vor zehn Jahren bei der Schweinegrippe zu tun haben? Erfahrene Virologen, die in der Presse kein Forum wie Drosten bekommen, sagen sogar ganz offen, man könne nicht einmal von einer „ersten Welle“ sprechen. Denn 160.000 Infizierte bei 83 Millionen Einwohnern seien über einen Zeitraum von vier Monaten epidemiologisch vernachlässigbar. Die allermeisten sind zudem genesen. Am 11. Mai gab es laut RobertKoch-Institut deutschlandweit nur noch 16.558 Infzierte. Bei Erscheinen dieser Zeitung dürften es noch einmal weniger geworden sein. Durch sein enormes Standing im Kanzleramt und den mit ihm verbundenen Medien hat es Drosten geschafft, dass Virologen, die alles weit weniger dramatisch sehen als er, ins verschwörungstheoretische Abseits geschoben werden. Besonders bedauerlich ist das im Fall von Hendrik Streeck, immerhin Drostens Nachfolger an der Uni Bonn. Mit seiner Heinsberg-Studie hat Streeck erstmals einen Datenschatz zur wirklichen Verbreitung und Gefahr des Virus‘ gehoben. Aber es vergeht kaum ein Tag, an dem Drosten diese wichtige wissenschaftliche Arbeit nicht diskreditiert. Die Eifersucht auf die erste aufsehenerregende Corona-Studie und die Sorgen um sein Image als Nummer Eins unter den Covid19-Experten dürften dabei keine unwichtige Rolle spielen. Diese persönlichen Befindlichkeiten wären auszuhalten, hätte sich Drosten als „Merkels Leibvirologe“ (so hat ihn die „Welt“ genannt), nicht ein Monopol auf die Deutungen rund um Covid19 gesichert. Wir alle müssen damit einem Mann folgen, der bereits vor zehn Jahren bewiesen hat, dass seine Einschätzungen nicht frei von gravierenden Irrtümern sind.