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Knaupps Kolumnen

Von Michael Hauke

 

Obwohl die Zahl der Todesfälle die Geburtenzahl  in Deutschland Jahr für Jahr deutlich übertrifft, steigt die Einwohnerzahl kontinuierlich. Das Statistische Bundesamt teilte just einen neuen Rekord mit: In Deutschland lebten im Jahr 2019 83,2 Millionen Menschen – so viele wie nie zuvor. Und trotzdem erleben wir einen Fachkräftemangel. Wie entsteht dieser Widerspruch?

Seit 2015 sind etwa 2 Millionen Zuwanderer als Asylbewerber bzw. als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Von Politik und Medien hieß es seinerzeit eindringlich, dass es sich dabei um die benötigten Fachkräfte handelt. Aus heutiger Sicht war das nichts anderes als Propaganda. Denn im Jahr 2019 hat der Bundestag das Fachkräftezuwanderungsgesetz beschlossen, das weiteren 25.000 Menschen aus Nicht-EU-Staaten pro Jahr die Einwanderung ermöglicht. Unter den rund zwei Millionen Migranten haben sich keine 25.000 Fachkräfte pro Jahr gefunden. Sie müssen jetzt zusätzlich angeworben werden. Aber reichen denn nicht die „länger hier Lebenden“ aus, um den Fachkräftemangel zu beheben?

Zur Beantwortung dieser Frage muss man ein Schlaglicht auf die Auswanderung werfen. Denn Migration ist keine Einbahnstraße, sie läuft in beide Richtungen. In den letzten 20 Jahren haben rund zwei Millionen Deutsche ihre Heimat verlassen. Laut einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung von Dezember 2019 waren diese Menschen im Schnitt 32 Jahre alt und zu 76 % Akademiker. Es sind offensichtlich genau die jungen Menschen, die die Politik händeringend aus anderen Ländern anwerben möchte und die in der Wirtschaft dringend gebraucht werden. Eine Abwanderung von zwei Millionen hauptsächlich jungen, gut ausgebildeten Menschen seit 2001 muss deutliche Spuren in einer Volkswirtschaft hinterlassen. Dass trotzdem die Bevölkerungszahl jedes Jahr steigt, aber der Fachkräftemangel kurioserweise genauso, lässt unzweideutige Schlüsse auf die Qualität der Masseneinwanderung zu.

Für Spitzenkräfte, aber auch für die in allen Bereichen der Wirtschaft benötigten Fachkräfte ist Deutschland offensichtlich nicht attraktiv genug. Sie ziehen in andere Länder oder bleiben zu Hause. Aber auch für zahlreiche gut ausgebildete junge Deutsche ist das eigene Land nicht attraktiv genug. Warum gibt es statt des ständigen Suchens nach Fachkräften im Ausland keine Angebote für Rückkehrer oder noch besser: Versuche, die jährlich auswandernden Fachkräfte zu halten?

Warum sollte der Standort Deutschland für gut qualifizierte Nicht-EU-Bürger attraktiver sein als für junge Deutsche, die nicht erst mühsam die Sprache erlernen müssen? Im Wettbewerb um kluge Köpfe, Handwerker, Verkäufer usw., auch die eigenen (!), zieht Deutschland im internationalen Vergleich den Kürzeren.

Woanders kann mehr verdient werden: Die Höhe der Steuern und Sozialabgaben ist nicht wettbewerbsfähig. Trotz eines Haushalts-Rekordüberschusses denkt die Regierung nicht an Entlastugen. Im Gegenteil: Jedes Jahr kommen neue Steuern hinzu, gerade erst die Klimaabgaben, die die Mobililität und die Energie (also das Wohnen!) verteuern. Wird Deutschland damit attraktiv für Fachkräfte aus dem Ausland? Ist es ausreichend attraktiv für deutsche Fachkräfte? Offensichtlich nicht. Aber die Politik ruft schon nach den nächsten Steuererhöhungen und erreicht damit, dass in großer Zahl nur Menschen kommen, die von den gezahlten Steuern und Abgaben der verbliebenen Fachkräfte profitieren, nämlich von den daraus finanzierten Transferleistungen. Die enorme Einwanderung in unsere Sozialsysteme muss wiederum durch neue Steuern und Abgaben geschultert werden, ganz egal, welchen wohlklingenden Namen ihnen die Politik gibt. Allein zwischen 2016 und 2019 hat der Bund 93,6 Milliarden Euro für Flüchtlinge bereitgestellt. Ein Teufelskreis: Immer mehr Empfänger von Transferleistungen wandern ein, wodurch die Steuern erhöht werden. Damit steigt wiederum die Zahl der Steuerzahler, die auswandern. Die erschütternde Gleichung  lautet: Je mehr unqualifizierte Einwanderung, desto mehr qualifizierte Auswanderung.