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Ein zum Thema Mauerfall seit 30 Jahren immer wieder publiziertes Foto zeigt Michael Hauke als 20jährigen mit Fahne auf der Mauer am Brandenburger Tor. Die Geschichte dieses Fotos lesen Sie hier.

Von Michael Hauke

Ich war vor dreißig Jahren Lehrling bei der Berliner Volksbank. Nachdem ich am Abend des 9. November 1989 im zweiten Ostprogramm live die Pressekonferenz von Günter Schabowski gesehen hatte, verließ ich die elterliche Wohnung. Aber nicht um zur Mauer zu fahren, sondern um mich mit Freunden zu treffen. Als ich nach ein paar Stunden wiederkam, hörte ich auf „Radio Hundert,6“, dass die ersten bereits an den Grenzübergängen stünden und nach Westen wollten. Der private Rundfunksender hatte schon Ü-Wagen rausgeschickt.
Ich konnte es nicht glauben. Zwar hatte ich Schabowskis Worte gehört und die Entwicklung der letzten Monate intensiv verfolgt: die immer größer werdenden Montagsdemonstrationen in Leipzig, die Massenfluchten über die Botschaften und über Ungarn, den 40. Jahrestag in Berlin, die Demonstration am 4. November auf dem Alexanderplatz.
Aber die Mauer stand. Sie stand mein ganzes Leben. Dass sie weg musste, hatte ich mir immer sehnlichst gewünscht. Ich lebte in dieser geteilten Stadt. Ich lebte im Westteil. Von meinen Eltern war ich zum überzeugten Berliner erzogen worden, fiir den es nur ein Berlin gab, wie das in West-Berlin damals gang und gäbe war. Ich ging zu Hertha. Die Fanfreundschaft mit Union war selbstverständlich. Berlin war für mich immer eine Stadt. Aber die Realität war eine andere.
Die Mauer hatte Tatsachen geschaffen, die ich nicht anders kannte. Wir waren jetzt – im Herbst 1989 – so dicht davor, dass die Mauer endlich wegkam, aber die Vorstellung, dass es wirklich passieren könnte, war schwer, wirklich verdammt schwer.
Es war meine Mutter, die uns in jener Nacht des 9. November antrieb, loszufahren an die Mauer und zu gucken, was los sei. Wir fuhren zum Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße. Und es war unglaublich. Es war mitten in der Nacht. Die Straßen an diesem bisherigen Ende der Welt waren überfüllt. Menschen, überall Menschen. Die West-Berliner standen Spalier, die Ost-Berliner kamen zu Fuß, mit dem eigenen Auto oder sogar mit der Taxe.
Es war eine unbeschreibliche Freude, eine Stimmung, wie ich sie nie zuvor erlebte. Man sah nur glückliche, freudentrunkene Menschen. War die Mauer jetzt wirklich weg, oder hielt das nur eine Nacht? Als Zwanzigjähriger konnte ich die Situation nicht richtig einschätzen. Aber irgendwie war mir klar, dass das nicht mehr rückgängig zu machen war.
Wir rückten an der Grenze immer weiter vor, irgendwann standen wir auf Ost-Berliner Gebiet. Ohne Zwangsumtausch, ohne drei Tage vorher bei den Behörden der DDR einen Antrag zu stellen. Einfach so. Es war der schiere Wahnsinn. Stunden verbrachten wir an der Heinrich-Heine-Straße, ehe wir weiterfuhren zum Brandenburger Tor. Wir parkten am Reichstag. Was ich hörte, als ich aus dem Auto meiner Eltern ausstieg, glaubte ich nicht. Die Leute hackten auf die Mauer ein. Schon in dieser ersten Nacht! Ich konnte gar nicht schnell genug durch den Tiergarten flitzen, um mir von meinen Augen beweisen zu lassen, was mir meine Ohren signalisierten. An der Heinrich-Heine-Straße hatte ich nur gesehen, dass man durchkam. Hier war der Abriss schon in vollem Gange. Ich war tief bewegt.
Vor der Mauer: überall Menschen. Und auf der Mauer, die hier besonders breit war, dasselbe: Überall Menschen. Ich musste da rauf Es ging ruck-zuck. Mit Räuberleiter von unten und durch ausgestreckte Hände von oben stand ich dort, wo ich noch nie gestanden hatte in meiner Stadt. Ich guckte auf den „Platz vor dem Brandenburger Tor“, den ich nur menschenleer mit patroullierenden Grenzern kannte. Es waren Fußgänger unterwegs! Einer fuhr mit dem Fahrrad durch das Brandenburger Tor. Das werde ich nie vergessen. Meine Eltern standen unten, und ich berichtete live, was ich sah. Es kamen Sprechchöre auf „Die Mauer ist weg!“ Immer wieder. Meine Gänsehaut klang nicht mehr ab. Wir lagen uns auf der Mauer in den Armen. Es war wirklich unglaublich.
Und auch als die Organe der DDR anfingen, den Platz zu räumen, war meine Euphorie nicht zu stoppen.
Ich weiss nicht mehr, ob ich in dieser Nacht überhaupt schlief. Am nächsten Morgen holte ich mir alle Zeitungen, die ich bekommen konnte. Die „BZ“ traf es am besten: „Die Mauer ist weg! Berlin ist wieder Berlin!“, stand dort über die ganze erste Seite. Auf meine Arbeit bei der Bank konnte ich mich überhaupt nicht mehr konzentrieren. Ich wollte raus und rein ins Geschehen. Als ich am Freitag, den 10. November 1989 um kurz nach eins Feierabend hatte, glaubte ich es wieder nicht. Überall Ostautos, überall überfüllte Straßen und U-Bahnhöfe.
Und dazu dieses wunderschöne Wetter. Ich fuhr nach Hause, holte meine Deutschlandfahne, die es in West-Berlin Ende der achtziger Jahre praktisch nicht gab – ich hatte meine vor Jahren im CentrumWarenhaus am Alex gekauft und das aufgenähte Emblem mit Hammer und Zirkel rausgetrennt. Auch der Fahnenstock mit der gelben Spitze war aus dem Osten. Und jetzt ab mit meinem VW Käfer durch die Stadt zum Brandenburger Tor. Mein Berlin war im totalen Ausnahmezustand. Es dauerte ewig, bis ich da war. Ich konnte nicht anders: Ich bin mit meiner Fahne rauf auf die Mauer. Hier verbrachte ich Stunden. Es war noch viel, viel voller als in der Nacht vorher. Gab es wirklich Berliner, die nicht spätestens am 10. November an der Mauer waren?
Einfach rüber in den Osten konnten die West-Berliner noch nicht. Das dauerte noch über einen Monat. Aber ich stand da oben und war Teil der geilsten Party der Welt. Meine Fahne war begehrt. Jeder wollte sie haben und auf der Mauer schwenken. Ich reichte sie rum. Dass das ein symbolisches Motiv wäre, wurde mir erst klar, als ich ein paar Wochen später ein Sonderheft der „Berliner Illustrirten Zeitung“ aufschlug und mich auf einer Doppelseite wiedersah: auf der Mauer, in zeitgemäßen Jeansklamotten, als ich gerade meine Fahne zurückbekam. Ost reicht West auf der Mauer die Schwarz-Rot-Goldene Flagge. Symbolischer ging es wirklich nicht. Ich fand das Bild dieser Szene danach in allen möglichen Publikationen. Auf vielen Büchern zum Jahr 1989 ist es damals das Titelmotiv geworden. Und jetzt, dreißig Jahre später, sehe ich mich wieder überall. Dieses Foto drückt meine Euphorie von damals aus.
Und heute? Ich wollte seinerzeit unbedingt in den Osten, ich wollte Teil der Einheit sein.
Bei der Bank hörte ich auf, ging nach Fürstenwalde und gründete mit meinem leider viel zu früh verstorbenen Freund Andreas Baucik im Februar 1991 den Verlag.
Heute ist die Einheit Normalität. War es wirklich einmal anders? Mich erfüllt die Zeit von damals noch heute mit großer Freude. Unsere Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit, dessen bin ich mir eben auch bewusst, wenn ich dreißig Jahre zurückdenke.
Diese Tage im November 89 gehören zu den aufregendsten meines Lebens. Und wenn ich das Bild von damals heute meinen Kindern zeige, können sie die Geschichte dazu zwar verstehen. Aber wie es zu Zeiten der Teilung war, können sie sich genauso gut vorstellen wie ich mir den Zweiten Weltkrieg. Für sie gibt es nur ein Deutschland. Ost und West spielen in dieser Generation der nach dem Jahr 2000 Geborenen keine Rolle mehr. Zum Glück.