Zeitung lesen
Knaupps Kolumnen

Glaube braucht keine Fakten
Seit sich durch unser Land ein offensichtlicher Meinungsspalt zieht, lese ich Ihre Zeitung. Wie kein anderes mir bekanntes Printmedium kommen hier nämlich beide Seiten zu Wort. War es in der Vergangenheit die Migration, so steht seit Monaten die Frage nach der besseren Energiequelle im Zentrum der Debatte, nicht zuletzt entbrennt sie an Greta Thunberg, der Elektromobilität und der CO2-Steuer. Ich möchte mich ganz absichtlich nicht mit einem weiteren echauffierten Meinungsbeitrag zu Wort melden und diesen mit Zahlen, Daten und Fakten unterfüttern. Das machen beide Seiten hier, in Webartikeln wie Kommentaren in Sozialen Netzen zuhauf. Fakten brauchen Glauben, aber Glaube braucht keine Fakten. – „Wir sehen die Welt nicht wie sie ist, sondern so wie wir sind“ (Anaïs Nin). Es geht nicht darum, wer Recht hat, denn subjektiv gesehen hat jeder für sich selbst genommen immer Recht. Aber was bringt es? Viel interessanter ist die Frage: Welchen Nutzen hat mein Standpunkt für mich, für meine Mitmenschen, für die Gesellschaft, der Bewohnbarkeit unseres Planeten? Wer beim Thema Migration überdramatisiert, zeigt mit den Finger auf vermeintlich Schuldige. Wer beim Thema Klimaschutz überdramatisiert, appelliert eher an das Verantwortungsbewusstsein aller. Es gibt auch da natürlich kein Schwarz-Weiß, sondern viele individuelle Nuancen. Mein Eindruck ist, wer dazu neigt, seinen ökologischen Fußabdruck kleinzureden, argumentiert zuerst aus der Egoperspektive: „Ich will weiter viel Fleisch essen, meinen SUV fahren, billige Energie verbrauchen usw.“. Im Nachgang werden dann Schutzbehauptungen angeführt: die ökologischen Nachteile von Windkrafträdern und Elektroautos usw. – damit sind wir wieder am Ausgangspunkt, dem gegenseitigen Auffahren von Daten im Dienste der Rechthaberei. Zuerst ist immer der Standpunkt da, erst dann folgt der faktoide Beweis für seine angebliche Allgemeingültigkeit. Vielleicht können wir darauf verzichten, dem anderen beweisen zu wollen, wie falsch er liegt. Das wäre für mich ein wünschenswerter Fortschritt.
Herzliche Grüße
Klaas Kramer

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Hemmschwelle erhöhen, das Auto zu benutzen

Sehr geehrter Herr Hauke,
ich habe Ihren Artikel vom 12. Juni „Ich soll mir keine Angst machen lassen“ gelesen und möchte meine eigene Ansicht zu den Themen, die Sie angesprochen haben, kundtun.
Zuerst beklagen Sie, dass es in Berlin die grüne Welle nicht mehr gibt. Aber ist Ihnen schon einmal der Gedanke gekommen, dass die Ampeln nicht auf die eiligen, allein fahrenden Autofahrer eingestellt sind, sondern dass es auch noch andere Verkehrsteilnehmer wie Fahrrad-, Bus- oder Straßenbahnfahrer geben könnte, die ebenfalls durch Berlin kommen wollen? Bei der Optimierung der Ampeln müssen diese ebenfalls berücksichtigt werden, sonst würden die vorbildlichen Fahrradfahrer und ÖPNV-Nutzer benachteiligt. Doch Berlin muss mehr Menschen dazu bewegen, selbst auf den Drahtesel zu steigen, was wiederum zu weniger CO2 führen würde. Und CO2- Einsparungen sind notwendig, wenn Deutschland das Pariser Abkommen einhalten will.
Als nächstes beklagen Sie die zu engen Fahrbahnen. Dort ist es dasselbe Problem: Sie schreiben eben nur aus Sicht der Autofahrer. Mich, als langjährigen Fahrradfahrer, stört es hingegen, wenn ich auf dem Bürgersteig fahren muss. Es laufen zu oft Passanten auf dem Weg, der eigentlich für Radfahrer gedacht ist. Auch geht es nicht darum, alle Autos so schnell wie möglich durch Berlin zu bringen, sondern in verkehrsreichen Gegenden die Hemmschwelle zu erhöhen, das Auto zu nutzen und stattdessen auf den gut ausgebauten ÖPNV umzusteigen.
Die nächsten drei Dinge, die Sie ansprechen – das Waldsterben, Ozonloch und die Eisbären – sind mit Halbwahrheiten begründet. Dem deutschen Wald geht es, trotz einiger Maßnahmen, die das Schlimmste verhindern konnten, noch lange nicht gut, die Ozonlöcher verschwinden zwar, dafür wird die Ozonschicht über großen Teilen Europas dünner (laut der Welt, „Schützende Ozonschicht über Deutschland immer dünner“) und die Eisbären sind noch immer eine gefährdete Tierart mit nur ca. 25.000 Tieren.
Des weiteren echauffieren Sie sich in diesem Artikel über die Windräder. Sind Sie sicher, dass so viele Bäume durch Windräder gefällt werden, dass man sie sofort verbieten sollte? Außerdem werden Sie mir sicher zustimmen, wenn ich sage, dass Kohlekraft die Umwelt eindeutig mehr belastet als Windkraft. Es ist die Frage: Wollen wir CO2-schleudernde Kohlekraftwerke oder die klimaneutrale Windkraft?
Ganz am Ende Ihres Artikels folgt noch eine Beschwerde zu den ach so hohen Steuern für die Energiewende. Doch wir haben schon zu viel des CO2s, welches über Jahrmillionen aus der Atmosphäre unter die Erde gebracht wurde, wieder hervorgeholt. Der Weg zurück kostet nun mal etwas Geld. Und jetzt frage ich Sie: Wer soll diesen Weg finanzieren, wenn nicht diejenigen, die das CO2 ausgestoßen haben?
Wenn ich mir anschaue, in welchem rasanten Tempo unsere Emissionen in den letzten Jahrzehnten gestiegen sind, klingt Ihre Bemerkung: „Wie hoch ist eigentlich die CO2-Ersparnis seit der Energiewende? Null. Wirklich null.“ wie ein Lob. Denn bisher konnten wir verhindern, dass unsere Emissionen weiter steigen.
Und die Panik wegen dem Klimawandel ist notwendig und gerechtfertigt angesichts der möglichen Folgen (Meeresspiegelanstieg von bis zu 60 Metern, drastische Verstärkung von Naturkatastrophen, Verschwinden des Amazonas-Regenwaldes, Versiegen des Golfstromes etc.).
Mit freundlichen Grüßen
Marie Wolter

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Korrektur und Anmerkung
In dem Beitrag „Ich soll mir keine Angst machen lassen“ schrieb ich, dass 5,3 Millionen Fluginsekten pro Tag von den Windrädern zerschmettert werden. Richtig ist die tausendfache Summe. Es sind 5,3 Milliarden pro Tag.
Der Meeresspiegel steigt pro Jahr um einen Milimeter.
Michael Hauke