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Knaupps Kolumnen

Von Michael Hauke


Ich fahre nach Berlin. Die erste Ampel heißt mich herzlich willkommen in der Hauptstadt. Keine hundertfünfzig Meter weiter steht die nächste. Auch die übernächste kann ich schon sehen. Während ich bei Rot warte und die Start-Stopp-Automatik meines Autos gerade den Motor abschaltet, beobachte ich die nächste Lichtzeichenanlage. Endlich springt meine Ampel auf Grün. Doch justament, als sich die Blechkarawane in Bewegung setzt, schaltet die nächste Ampel auf Rot. Nicht mal zweihundert Meter weit bin ich gekommen. Wieder warten mit mir die Pendler artig, bis es Grün wird. Die nächste Ampel zeigt uns das gleiche Schauspiel. Man kann die Ampel einfach nicht bei Grün erreichen. Wieder warten wir bei Rot. Wieder wird jede Menge CO2 in die Luft gepustet, wieder wirbeln die Autos beim Anfahren den Dreck der Straße auf. Fein-staubalarm!
War das nicht mal anders? Waren die Ampeln früher nicht auf Grüne Welle geschaltet? Nicht mehr, seit die Grünen die Verkehrspolitik bestimmen. Ich erinnere mich an Zeiten, da waren die Straßen in der Stadt dreistreifig. Inzwischen wurde der Radweg vom äußeren Rand des Bürgersteigs auf die Straße verlegt, die Busspur verengt die Straße zusätzlich. Heute freue ich mich schon über hauptstädtische Straßen mit zwei Streifen pro Richtung. Ich werde heute aber noch welche befahren, bei denen es es nur noch einen einzigen von früher drei gibt. Das Ergebnis jahrelanger rot-grüner Verkehrspolitik: Die Rote Welle auf drastisch verengten Fahrbahnen für immer mehr Autos.
Wie reagiert die Umweltpolitik in diesem Land? Sie führt Dieselfahrverbote ein, die zu kilometerlangen Umwegen führen. Statt die Fehler der Vergangenheit zu korrigieren, wird der Mensch, der nichts weiter möchte, als zur Arbeit zu kommen, weiter traktiert und indoktriniert. Angst ist dabei ein ganz wichtiger Faktor. Angst vor CO2, Angst vor Stickoxiden, Angst vor Feinstaub. Angst vor dem Klimawandel. Angst, Angst, Angst!
Ausgerechnet jetzt fällt mein Blick an einer roten Ampel auf ein noch nicht abgebautes Wahlplakat zur EU-Wahl. „Eine mutige Gesellschaft lässt sich keine Angst machen“, steht in grüner Schrift meterhoch direkt vor mir an der Kreuzung. Und diese Parole der Grünen lässt mich anfangen zu grübeln.
Ausgerechnet die Grünen, die gemeinsam mit ihren Gleichgesinnten in den anderen Parteien tagtäglich die Katastrophe ausrufen, schreien mich via Wahlplakat an, ich solle mir keine Angst machen lassen. Gut, denke ich, dann lasse ich mir eben keine Angst machen und schweife zurück, weit zurück. Wie war das in meiner Jugend in den achtziger Jahren? Wir hatten Angst vor dem sauren Regen und dem Waldsterben. Schon im Jahr 2000 sollte es in Deutschland keinen Wald mehr geben. Ich spule kurz zurück. Bevor ich nach Berlin reinfuhr, bin ich doch durch Brandenburg gefahren. War da Wald? Ja, jede Menge. Stimmt! Animiert durch das grüne Wahlplakat, kommt mir in den Sinn, dass die Waldflächen in Deutschland jedes Jahr größer werden. Die Angst vor dem Waldsterben war dann doch irgendwie unbegründet. Gott sei Dank!
Als das Waldsterben ausfiel, gab es schnell Ersatz: Das sich schnell ausbreitende Ozonloch. Lange nichts mehr davon gehört, denke ich so bei mir. Bei meinem nächsten Halt nehme ich mein Telefon in die Hand und gebe das Wort „Ozonloch“ im Internet ein. Ergebnis: Das Ozonloch gibt‘s auch nicht mehr. Auch diese Angst war am Ende grundlos.
Langsam wird mir das nicht abgebaute Wahlplakat der Grünen immer sympathischer. Recht haben die, lass Dir keine Angst machen! Und ich denke an die nächsten Untergangsszenarien, die mir täglich Angst machen sollen. Ich schleppe mich im offensichtlich politisch gewollten Dauerstau am Tierpark vorbei. Wohnt hier nicht die kleine Hertha? Richtig, der Eisbär ist zum Symbol des Klimawandels geworden. Dem größten landlebenden Raubtier geht es so richtig an den Kragen. Ich mache mir Sorgen um den Fortbestand dieser beeindruckenden Art. Aber ich soll mir ja keine Angst machen lassen. Auch hier hilft ein Blick ins Netz: Die Eisbärenpopulation hat sich von 1960 bis heute verfünffacht. Wenn die weiter so schnell aussterben, wird‘s aber eng am Polarkreis. Muss ich davor jetzt auch Angst haben?
Schluss jetzt mit dieser dauernden Angst, ruhig Blut, alles wird nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird.
Ich beruhige mich: Die Grünen in allen Parteien haben ja die Lösung.
Ich habe auf meiner Kriechtour durch die Hauptstadt der Roten Welle inzwischen den Fernsehturm vor mir. Das Restaurant in der Kugel befindet sich auf 203 Meter Höhe. Verdammt hoch, schätze ich, wodurch mir die Lösung für alle Umweltprobleme in unserem Land einfällt: Das ist doch ein Klacks im Vergleich zu unseren romantischen Windrädern. Diese Giganten der Energiewende erreichen eine Höhe von bis zu 230 Metern. Sie stehen in früher stiller, intakter Landschaft. Der Schall ihrer Rotoren reicht bis zu zehn Kilometer weit. Eine Viertelmillion Fledermäuse fällt ihnen jedes Jahr zum Opfer, aber auch das ist nur ein Klacks gegenüber der Zahl der zerschmetterten Fluginsekten. 5,3 Millionen sind es – jeden Tag. Der Rotmilan, eine praktisch nur in Deutschland vorkommende Greifvogelart, hat 1.000 Windradopfer pro Jahr zu beklagen, bei einer Gesamtpopulation von zur Zeit noch 13.000 Tieren.
Vor dem Aussterben der ständig mehr werdenden Eisbären wird mir Angst gemacht, die tatsächlich radikal bedrohten Rotmilane haben keine Öffentlichkeit. Sie sterben ja für die gute Sache.
Auch das allseits beklagte Insektensterben darf nicht in Zusammenhang mit dem gnadenlosen Ausbau der Windenergie gebracht werden. Das ist politisch nicht korrekt – aber trotzdem wahr.
Inzwischen bin ich aus Berlin wieder raus. Endlich wieder in Brandenburg. War hier nicht vor einiger Zeit noch ein Waldgebiet? Das ausgebliebene Waldsterben wird durch das Roden für Windräder wenigstens ein bisschen nachgeholt. Mit ungebrochenem Eifer werden diese riesigen Industrieanlagen für den Umweltschutz in die Natur gesetzt. Ein Milliardengeschäft.
Irgendwann bin ich nach meiner Tour wieder am Schreibtisch. Die Stromrechnung ist da! Sie ist doppelt so hoch wie vor dem „Ausbau der Erneuerbaren“. Auf Seite drei der Rechnung erklärt mir der Versorger, wie sich mein Strompreis zusammensetzt: genau siebzig Prozent sind Umlagen und Steuern, zum ganz großen Teil für die Energiewende. Nur dreißig Prozent der Gesamtrechnung betrifft die tatsächliche Strombeschaffung. Ein letzter Blick ins Internet für heute: Wie hoch ist eigentlich die CO2-Ersparnis seit der Energiewende? Null. Wirklich null.
Hat sich ja gelohnt, sage ich erstaunlich laut vor mich hin. Aber wenigstens habe ich seit dem Blick auf die noch nicht entfernte grüne Propagandawand eines nicht mehr: Angst!