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Knaupps Kolumnen

Am Flakenfließ ist alles wie zuvor. Passend zur „documenta“-Zeit ruht dort die beschämende „Installation mit verhindertem Flakensteg“. Planken los, aber sonst kaum demoliert, liegt sie entspannt auf Betonblöcken und trotzt traurig allen Wettern; ganz denkmalgeschützte Einmaligkeit technischer Baukunst - hinter schimmernden Drahtgittern. Ab und an in Gesellschaft von Nobelkarossen mit Stern.
Auf die Frage, was mit dem Kummer-Patienten auf dem Trockenen geschähe, zuckte Detlef Mikolai, Inhaber des kleinen Metallbaubetriebes nebenan, schon nach der hastigen Demontage seinerzeit die Schultern. Meinte: „Soll ja wohl morsch sein.
Aber die paar RoststeIlen sind doch kein Hit. Da wären viel wichtigere Brückenbauten aus dem Verkehr zu ziehen. Doch das müssen andere Fachleute klären, die hier steht ja wohl unter Denkmalschutz“. Ob sein Unternehmen damit zu tun habe? Die Antwort kam schnell: „Mit mir hat keiner gesprochen, unseren Betrieb hat nie eine Ausschreibung erreicht...“
Vorsichtshalber befragte ich schon damals erst im Internet die Erknerseiten nach dem Flakensteg. Dessen abruptes Verschwinden von Radweg und Stadtbild rief sofort einen Förderverein ins Leben, der die vielbelaufene kommunale Fußgängerbrücke umgehend ins Herz schloss. Seither wirbt und strampelt ein Häuflein Aufrechter, die einstige Bürgerinitiative zur Rettung des Bauwerks wieder zu beleben. Neue Mitstreiter aus der bundesweiten Bevölkerung (auch Betriebe von Schiffbau, Handel und Gewerbe) sind immer willkommen, genau wie Spenden, kluge Ideen, moralischer Zuspruch, mithin jeder, der sich interessiert zeigt, die aus Befürchtung und Fürsorge ins abseits geschobene Fußgängerbrücke wieder trittfest ins Leben zu befördern; Hinhalteparolen, Lästern und andere Schmähungen inklusive.
Zudem sucht die Gerhart-Hauptmann-Stadt einen neuen Bürgermeister. Neuer Besen, Zauberlehrling? Ignoranz war gestern. Politologe Lothar Eysser, der ehrenamtlich den Förderfreunden vorsitzt, sowie auch der Stadtverordnetenversammlung von Erkner; dankt routiniert wie immer für jedes zählbare Investment zur Rettung des leidgeprüften Bauwerkes. Der Mann sitzt quasi an der Krippe der hiesigen Entscheider-Gremien. In diesen Tagen darf man fragen: „Entpuppt sich der kommunale Flakensteg als ein lokales Wahlkampfmedium?“
Letztes Jahr (2016) hätte Erkner allen Grund gehabt, mit Kind und Kegel sowie Touristenscharen aus Brandenburg und aller Welt das 100jährige Bestehen der Brücke zu begehen. Doch da lief nichts - am abgebrochenen Literaturpfad!
Nobelpreisträger Hauptmann, „Fasching“? Außerdem, ein Denkmal hinter Maschendrahtzaun und Müll?
Das „Mittelzentrum“ Erkner braucht Kiepen voller Geld. Und die Stadtverwaltung? Die verwaltet und pflegt nachhaltig andere Prioritäten. Flakensteg? Aus den Augen, aus dem Sinn? Was zweckdienlich mal im Fördertopf gelegen haben soll, dürfte längst anderswo verbraucht worden sein.
Mitten im Ersten Weltkrieg wurde die kleine Brücke errichtet, ein Meisterwerk aus feinstem Material, „handgeklöppelt“ , wie Fachleute loben; sie überstand den Zweiten Weltkrieg samt des unseligen Flächenbombardements vom 8. März 1944; dank der Tüchtigkeit vieler Erkneraner verkraftete sie sogar den Kalten Krieg und die mobile Einheit Deutschlands - und nun, mitten im vereinten Frieden, wird sie vergessen und ausgemustert? Die Wegwerfgesellschaft macht Schlagzeilen.
Als Frank Retzlaff noch ab und an im Kellerarchiv des Rathauses zu finden war (nun im Gerhart- Hauptmann-Museum), zeigte er bereitwillig ein historisches Foto, worauf ein Gebäude nahe des Flakensteges thronte. „Da oben in dem Haus habe ich bis 1976 gewohnt“, verwies er stolz und schob nach: “Das war mein täglicher Weg über das Fließ zum Kindergarten. Mit einem Holzgewehr habe ich oft die Brücke bewacht, um irgendwelche Dummheiten zu verhindern“. Momentan sieht es aus, als würde Holzgewehr wieder eine Idee.
Indes, noch ist nicht aller Tage Abend. Der demografische Wandel hat natürlich auch die Bundesrepublik in Europa im Griff. Wie Berlin arm aber sexy, zeigt sich Erkner meist pfiffig und findig. Und es wächst und wächst: rund 12000 Bürger sind mittlerweile hier zuhause; anziehendes Brandenburg. Vielleicht verhilft die Denkfabrik IRS (Leibniz- Institut für Raumbezogene Sozialforschung) der kleinen Brücke wieder zu Amt und Würde? Direktorin Prof. Dr. Heiderose Kilper hatte gleich nach Vollzug der „Operation Flakensteg“ im Internet-Gästebuch ein weitsichtiges und lebensfreundliches Plädoyer für die Brücke geliefert. Zudem weiß man gerade in Potsdam und Berlin (Kulturstaatsministerin Grütters), wie behutsam solche Solitäre zu behandeln sind. Man umgeht sie nicht - wie derzeit Fußgänger, Flaschensammler
und Hundefreunde - man ehrt und schützt, indem man solche Werte zeitgemäß nützt und pflegt. Also Fußgänger, Wanderer, Touristen, Radfahrer, Rollis, Rollstühle, Reisende, Schüler und beaufsichtigte Kindergruppen sowie Skater und Jogger. Auf diese Weise wäre der bewährte Übergang die noch immer kürzeste Verbindung zum S-Bahnhof, zu den Bussen, zur Stadthalle und den Fahrradstellagen, zu „Aldi“ und “Norma“ mit Ärztehaus, zur Bahnhofsiedlung oder nach Woltersdorf, Schöneiche, Rüdersdorf usw.
Als ich mich bei Herrn Mikolai verabschiedete, sagte der ungefragt, wie um was Tröstendes mit auf den Weg zu geben: „Hätte man meinem Betrieb vor 2, 3 Jahren den Auftrag erteilt, mit meinen tüchtigen Jungs hier wäre das Ding längst vom Tisch und der Steg wieder fachgerecht in Betrieb“.
Na denn: Nächste Runde! Helfen könnte dabei ein Blick ans andere Ende der Welt. In Neuseeland ist jüngst ein dortiger Fluss zur juristischen Person erklärt worden. Vor dem aufgebockten Steg überlegt nun mancher, was ratsam wäre: Anwaltskanzlei oder Gesellschaft für Arbeits- und Sozial recht (GefAS)?

Wolfgang Geßler, Gerhart-Hauptmann-Stadt Erkner
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